Logbuch-Frage 05.10.2018:
Was würde Ihnen alles fehlen, wenn es die Arbeit nicht mehr gäbe?

Die Veränderungs-Lotsin: Logbuch - Logbuch-Frage der Woche am 05.10.2018: "Was würde Ihnen alles fehlen, wenn es die Arbeit nicht mehr gäbe?"

Zugegeben, die Frage ist fies. Wenn Sie gerade total gestresst und genervt vom Job, vom Chef, von den Kolleginnen und Kollegen oder den Kundinnen und Kunden, von den vielen Überstunden oder dem Druck der ständigen Erreichbarkeit sind, dann werden Sie wahrscheinlich mit einem Seufzer antworten: „Nichts!“

Einfach mal die Seele baumeln lassen können, mehr Zeit für uns, unsere Familie, die Freunde und unsere Hobbies haben. Endlich mal länger verreisen, etwas von der Welt sehen. Wer träumt hin und wieder nicht davon?! Wie oft denken oder sagen wir: „Wenn ich doch bloß mehr Zeit hätte!“

Wir brauchen aber die Arbeit

Diverse Studien in den zurückliegenden Jahren haben jedoch belegt, dass Arbeitslosigkeit auf die Stimmung drückt – um es mal zurückhaltend auszudrücken. Klar, am Anfang genießt man meist erst einmal die freie Zeit, aber man ist trotzdem auch ziemlich schnell wieder auf der Suche nach einem neuen Job. Und das hat nicht nur etwas mit dem Geld zu tun, das uns nun in geringerem Maße zur Verfügung steht. Die meisten Menschen wünschen sich eine regelmäßige Aufgabe und einen ‚geregelten Tagesablauf‘.

In unserer westlichen Kultur definieren wir uns immer noch über die Arbeit. Wer arbeitslos wird und auf Bewerbungen eine Absage nach der anderen kassiert, verliert an Selbstvertrauen, fühlt sich auf Dauer aus der Gesellschaft ausgeschlossen oder zumindest an den Rand gedrängt. Gerade letztens sprach ich mit einem Mann, der aufgrund seiner chronischen Erkrankungen bis zu seinem 35. Lebensjahr nie gearbeitet hat. Alle glaubten, er bleibe bis zum Renteneintritt erwerbsgemindert. Aber er hat sich vor Kurzem einen Job als Tellerwäscher in einem Restaurant besorgt – in Teilzeit und sozialversicherungspflichtig immerhin. Er strahlte über das ganze Gesicht, als er mir davon erzählte. Endlich eigenes Geld verdienen, endlich eine Aufgabe haben, endlich Teil eines Teams sein, endlich ‚mitreden‘ können.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Wenn wir nicht mehr täglich auf unsere Kolleginnen und Kollegen treffen, reduziert sich nicht zuletzt peu à peu die Anzahl der sozialen Kontakte. In unzähligen Gesprächen mit von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen war ein Thema immer wieder die soziale Isoliertheit. Erst recht, wenn die Menschen allein lebten und nicht z.B. durch die Kinder noch Kontakt zu anderen Eltern etc. hatten.

Eine Betätigung im Ehrenamt, sei es im Sportverein, im künstlerischen Bereich oder im Naturschutz, kann diese Lücke zwar recht gut füllen, aber ganz schließen wird sie sie nicht. Uns würde also sehr wohl etwas fehlen, wenn es die Arbeit nicht mehr gäbe – ob wir es mitten im Jobstress wahrhaben wollen oder nicht.

Nachdenken für die Zukunft

Wenn man sich eingehend mit der oben gestellten Frage beschäftigt, wird man feststellen, dass einem eine ganze Menge fehlen könnte, wenn die Arbeit nicht mehr wäre. Die Kunst besteht nun darin, bereits frühzeitig zu überlegen, wie man ggf. die Lücken sinnvoll füllen könnte. Sofern Sie nicht gerade erfahren haben, dass das Unternehmen, in dem Sie arbeiten, Insolvenz anmelden muss oder sofern Sie nicht in einer Branche arbeiten, die von starken Umbrüchen betroffen ist, können Sie in aller Ruhe darüber nachdenken, was Ihnen ab einem Zeitpunkt X fehlen würde und wie sie das Fehlende kompensieren könnten.

Mit welchen Kolleginnen und Kollegen würden Sie weiterhin Kontakt halten wollen? Welche Kenntnisse und Fähigkeiten könnten Sie auch in ein Ehrenamt einbringen? Welche Hobbies könnten Sie ausbauen und neue Netzwerke knüpfen? Wie halten Sie sich zu bestimmten Themen auf dem Laufenden? Wie gestalten Sie Ihren Tagesablauf in Zukunft? Welche Auswirkungen hat die neue Phase auf die Partnerschaft? Stellen Sie sich vor, sie sehen Ihre Partnerin oder Ihren Partner normalerweise nur ein paar Stunden am Tag. Jede/r hat einen eigenen Tagesablauf entwickelt. Plötzlich wird das alles durcheinandergebracht, weil Sie den ganzen Tag zu Hause sind. Ist Streit vorprogrammiert? Haben Sie sich ggf. sogar schon voneinander entfremdet und merken es jetzt so richtig? Oder finden Sie schnell einen neuen gemeinsamen Weg?

Der Tag wird kommen

All diese Fragen sollten sich auch übrigens diejenigen stellen, die kurz vor der Rente bzw. Pensionierung stehen. Denn spätestens dann ist der Tag gekommen, an dem die Arbeit definitiv weg wäre. Natürlich gibt es heutzutage gleitende Übergänge und Unternehmen beschäftigen auch Rentnerinnen und Rentner. Selbständige erreichen zwar faktisch irgendwann das Renteneintrittsalter, aber oft genug machen sie noch weiter. Entweder weil ihnen die Arbeit so viel Spaß bringt oder weil sie noch nicht ausreichend finanziell abgesichert sind.

Im öffentlichen Dienst und in größeren Unternehmen gibt es extra Seminare zum Thema Renteneintritt. Da geht es nicht nur um formale Dinge, die in Zukunft zu beachten sind, sondern auch genau um solche Fragen, wie ich sie weiter oben formuliert habe. Auch in Outsourcing-Programmen dürften das häufige Fragen sein. Spätestens, wenn die Arbeit wegzufallen droht, merken wir nämlich, was wir alles an ihr und durch sie haben.

Lesen Sie hier, was es mit der „Logbuch-Frage der Woche“ auf sich hat.

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Ich bin fasziniert von Veränderungen, unabhängig davon, ob es sich um große Umbrüche oder kleinere Kurskorrekturen handelt. Mein Leben ist geprägt von Veränderungen: Ich habe sechs allgemeinbildende Schulen besucht, bin zwölfmal umgezogen und habe schon unzählige Jobs gehabt. Freunde und Bekannte meinen, mit mir werde es nie langweilig. Ich reflektiere mich ständig aufs Neue und wenn mir bestimmte Aspekte in meinem Leben nicht mehr passen, werfe ich sie über Bord. Die im Laufe der Jahre gesammelten Erfahrungen mit Veränderungsprozessen gebe ich gern an Andere weiter.

Informationen zu meiner Arbeit und meiner Person finden Sie hier.

Die Veränderungs-Lotsin: Portraitfoto Helga Numberger

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