Logbuch-Frage 02.11.2018:
Warum verhalten Sie sich nicht so wie Sie wollen?

Die Veränderungs-Lotsin: Logbuch - Logbuch-Frage der Woche am 02.11.2018: "Warum verhalten Sie sich nicht so wie Sie wollen?"

Stellen Sie sich Folgendes vor: Ein junger Mann, 17 Jahre alt, weiß nicht so genau, was er nach dem Abi machen soll. Er ist naturverbunden, träumt von einer gerechten Welt, ist vielleicht Mitglied in sozialen Organisationen. Status ist ihm nicht so wichtig, er ist ein Einzelgänger, mag nicht gern streiten und arbeitet lieber für sich allein. Als Kind blieb er stundenlang in seinem Zimmer und hat gedankenversunken gelesen oder gespielt. Er ist zwar vielseitig interessiert, aber diese Interessen werden in seinem Elternhaus nicht gefördert.

Im Gegenteil: Seine Eltern machen sich große Sorgen um ihren Sohn, denn sie können nicht verstehen, warum er so anders als sie ist. Beide arbeiten in einer Bank, der Vater hat BWL studiert, die Mutter hat Bankkauffrau gelernt. Ihr gesellschaftlicher Status ist ihnen sehr wichtig, sie gehen jeden Tag im Anzug bzw. Kostüm zur Arbeit, leisten sich einen relativ teuren Wagen und eine stilvoll eingerichtete Wohnung. Sie pflegen viele soziale Kontakte, gehen häufig auf Netzwerkveranstaltungen und kennen Gott und die Welt.

Je näher das Abitur rückt und der Sohn sich immer noch nicht um einen Studienplatz gekümmert hat, umso mehr bedrängen die Eltern ihn: „Mach doch eine Banklehre, das schadet nie und dann kannst Du später immer noch studieren.“ Der Sohn gibt dem Drängen der Eltern mangels klarer Alternativen nach und fängt bei einer großen Bank an. Er hasst es, jeden Tag im Anzug herumlaufen zu müssen. Er hasst es auch, ständig mit anderen im Großraumbüro sitzen zu müssen. Er würde am liebsten jedem sozial schwachen Kunden, der an seinen Schalter kommt, etwas Geld zustecken – aber das geht natürlich nicht. Stattdessen wird ihm beigebracht, wie man Aktien auch an solche Kunden verkauft, die eigentlich gar keine Aktien kaufen wollten. Klar, ich bediene hier bewusst ein Klischee. Ich will auch gern erklären, worauf ich hinaus möchte.

Das Zwiebelmodell der Persönlichkeit

Kennen Sie das Zwiebelmodell der Persönlichkeit?

Es betrachtet unsere Persönlichkeit in mehreren Schichten. Den Kern unserer Persönlichkeit stellen unsere Motive dar. Warum wollen wir etwas? Warum ist uns Status nicht so wichtig? Warum sind wir gern allein? Warum treffen wir gern schnelle Entscheidungen? Warum vermeiden wir möglichst jeden Streit? Diese Motive kann man sehr schön mit dem Reiss Motivation Profile abbilden. Es misst, wie sehr wir z.B. nach Anerkennung oder Unabhängigkeit streben. Die Motive werden auch als Endzwecke bezeichnet, denn die Befriedigung dieser Motivausprägungen verschafft uns Zufriedenheit und Ausgeglichenheit.

Die zweite Schicht sind die Glaubenssätze und Werte. Hier geht es um die Frage, wofür wir etwas tun. Was ist uns wichtig? Was machen wir zum Maßstab unseres Handelns? Respekt und Toleranz, aber auch Freiheit oder Harmonie sind z.B. Werte, die handlungsleitend für uns sein können. Die zweite Ebene wird stark von der ersten Ebene beeinflusst.

Die dritte Schicht nennt man Verhaltenspräferenz. Nehmen wir an, Sie sind umweltbewusst, Ihnen macht der Klimawandel echt Sorgen und Sie möchten am liebsten auf Ihr Auto verzichten. Das wäre dann die Verhaltenspräferenz. Da Sie Ihren Arbeitsort aber nicht ohne Auto erreichen, haben Sie notgedrungen trotzdem ein Auto. Das wäre die Verhaltensebene. Die dritte Ebene fußt auf den ersten beiden Ebenen. Wenn ich eine hohe Ausprägung im Lebensmotiv Unabhängigkeit habe und Freiheit ein wichtiger Wert für mich ist, dann wird es auch mein Bestreben sein, mich entsprechend zu verhalten. Ich werde also z.B. nicht in einer Firma mit vielen Hierarchien arbeiten wollen, sondern lieber selbständig sein.

In der vierten Schicht, der Verhaltensebene, findet sich all das, was für Ihre Umwelt nach außen hin sichtbar ist: Ihr Auftreten, Ihre Fähigkeiten, Ihre Kenntnisse, Ihre Mimik und Gestik usw.

Schauen Sie unter die Verhaltensebene

Wenn wir nun auf den oben geschilderten Fall zurückkommen, wird klar, worauf meine Frage abzielt. Auf der Verhaltensebene ist für die Umwelt des jungen Mannes erkennbar, dass er sich in einer Ausbildung zum Bankkaufmann befindet und vermutlich einen recht ordentlichen Job macht. Er ist stets höflich zu den Kunden, ist pünktlich und zuverlässig, hat gute Noten in der Berufsschule. Auf den ersten Blick ist also alles in Ordnung.

Aber nichts ist in Ordnung! Der junge Mann arbeitet quasi permanent gegen die anderen drei Schichten seiner Persönlichkeit an. Und das wird ihn auf Dauer krank machen.

Stellen Sie sich also die oben gestellte Frage regelmäßig und gucken genau hin, gegen welche inneren Überzeugungen und Bedürfnisse sie handeln. Prüfen Sie dann, was Sie ändern können. Manchmal können schon kleine Veränderungen eine große Verbesserung bewirken.

Lesen Sie hier, was es mit der „Logbuch-Frage der Woche“ auf sich hat.

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Ich bin fasziniert von Veränderungen, unabhängig davon, ob es sich um große Umbrüche oder kleinere Kurskorrekturen handelt. Mein Leben ist geprägt von Veränderungen: Ich habe sechs allgemeinbildende Schulen besucht, bin zwölfmal umgezogen und habe schon unzählige Jobs gehabt. Freunde und Bekannte meinen, mit mir werde es nie langweilig. Ich reflektiere mich ständig aufs Neue und wenn mir bestimmte Aspekte in meinem Leben nicht mehr passen, werfe ich sie über Bord. Die im Laufe der Jahre gesammelten Erfahrungen mit Veränderungsprozessen gebe ich gern an Andere weiter.

Informationen zu meiner Arbeit und meiner Person finden Sie hier.

Die Veränderungs-Lotsin: Portraitfoto Helga Numberger

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