Logbuch-Frage 12.10.2018:
Wann wären Sie am liebsten im Erdboden versunken?

Die Veränderungs-Lotsin: Logbuch - Logbuch-Frage der Woche am 12.10.2018: "Wann wären Sie am liebsten im Erdboden versunken?"

Sie kennen das Gefühl bestimmt, wenn Ihnen etwas so richtig hochnotpeinlich ist. Wenn sich der Magen zusammenzieht und Sie rot werden. Wenn Sie nicht wissen, ob Sie lachen oder weinen sollen und sich irgendwie diffus in einer Situation gefangen fühlen.

Selbstschämen und Fremdschämen

Man kann aus zweierlei Gründen im Erdboden versinken wollen: Weil einem eine eigene Handlung, ein eigenes Verhalten peinlich ist oder weil einem das Verhalten einer anderen Person peinlich ist. Beide Gründe haben aus meiner Sicht eines gemeinsam: Sie sagen viel über die eigenen Werte aus, weshalb es sich lohnt, mal genauer hinzugucken, was uns eigentlich peinlich ist.

Situation 1: Sie werden im beruflichen Kontext einer wichtigen Person vorgestellt. Sie sind dabei so nervös, dass Sie sich häufig versprechen, die wichtige Person mit dem falschen Namen ansprechen oder Ihr Händedruck auffällig feucht wirkt. Zu Ihrer Nervosität kommt nun auch noch das Gefühl von Peinlichkeit hinzu und Sie möchten am liebsten nur noch aus dieser Situation fliehen. Sie schämen sich für Ihr eigenes Verhalten bzw. Ihre eigenen stressbedingten Körperreaktionen.

Situation 2: Ein Freund oder eine Freundin erzählt Ihnen, dass er oder sie in Anwesenheit einer dritten Person von einem gemeinsamen Bekannten völlig zu Unrecht total harsch angegangen wurde. Die dritte Person kennen Sie zwar nicht persönlich, aber Sie wissen, dass sie in anderen Kontexten noch eine wichtige Rolle spielen könnte. Sie ärgern sich auf gleich zwei Ebenen: Zum einen, dass der Freund oder die Freundin überhaupt so harsch behandelt wurde und zum zweiten, dass ausgerechnet diese dritte Person die Szene auch noch mitbekommt. Sie schämen sich fremd für ein Verhalten, mit dem Sie unmittelbar eigentlich gar nichts zu tun haben, denn Sie waren ja noch nicht einmal selbst dabei. Trotzdem zieht sich auch Ihnen in dem Moment der Magen zusammen und Sie erleben den in der Einleitung beschriebenen Gefühlsmix.

Warum ist uns etwas peinlich?

Wenn man sich Situation 1 anguckt, könnte man doch – objektiv betrachtet – sagen, dass wir uns für nichts schämen brauchen. Manche Körperreaktionen werden über das vegetative Nervensystem und damit für uns nicht bewusst gesteuert. Wir können also z.B. kaum etwas dafür, wenn wir bei Nervosität feuchte Hände bekommen. Und das weiß jeder – auch Ihr Gegenüber. Trotzdem ist es Ihnen peinlich. Wie kommt das?

Nun, uns ist z.B. die Anerkennung dieser Person sehr wichtig und wir fürchten, diese nicht zu gewinnen, wenn wir nicht souverän wirken. Oder wir legen sehr viel Wert auf Status und kommen uns als Folge der Nervosität klein und unbedeutend vor. Unser Denken und unser Verhalten fußen auf bestimmten Motiven und Werten, die wir in uns haben bzw. die wir vertreten. Diese sind individuell sehr verschieden. Die einen benötigen mehr Anerkennung durch ihre Mitmenschen als andere, um zufrieden zu sein. Das hat wiederum Auswirkungen darauf, wie wir Situationen bewerten – was uns also peinlich ist und was uns überhaupt nicht stört.

In Situation 2 war Ihnen vermutlich das Verhalten des Bekannten peinlich, weil gleich zwei Aspekte berührt wurden: Zum einen wurde Ihr Gerechtigkeitsempfinden gestört. Was fiel dem Bekannten ein, den Freund so ungerecht zu kritisieren? Hätte er nicht erst einmal fragen können, ob seine Kritik berechtigt ist anstatt gleich so loszupoltern? Zum anderen ging es Ihnen wohl auch um die Außenwirkung bei diesem speziellen Thema. Es machte nämlich keinen guten Eindruck, dass der Bekannte Person A in Gegenwart von Person C so angemacht hat. Geschickter wäre es gewesen, wenn er seine Kritik in einem ruhigen Moment unter vier Augen vorgetragen hätte. Sie fragen sich jetzt, was Person C wohl von der Situation denken mag. Am liebsten möchten Sie die Situation rückgängig machen – obwohl Sie noch nicht einmal daran beteiligt waren.

Schauen Sie hinter das Gefühl!

Wenn Ihnen also das nächste Mal etwas peinlich ist und Sie am liebsten im Erdboden verschwinden würden, fragen Sie sich doch anschließend mal, warum das so ist. Um welchen Wert ging es Ihnen dabei? Welches Bedürfnis wurde missachtet? Was können Sie für die Zukunft daraus lernen? Wie können Sie sich in ähnlichen Situationen so verhalten, dass Sie sich nicht schämen? Oder könnte es Sinn machen, Situationen auch schlichtweg anders zu bewerten? Wenn wir beispielsweise eine andere Haltung zum Thema Nervosität annehmen können, werden uns unsere unbewussten Körperreaktionen nicht mehr so peinlich sein. Ja, dann werden Sie halt eben rot und haben schwitzige Hände. Davon geht die Welt auch nicht unter.

Diskutieren Sie solche Fragen auch gern mit Freunden und Bekannten. Wie sehen die das? Wann wären die am liebsten im Erdboden versunken? Können Sie das nachvollziehen oder sind ihnen Situationen peinlich, die Ihnen völlig egal sind? Wie immer gilt: Wagen Sie einen Perspektivwechsel und bereichern dadurch Ihr Handlungsrepertoire.

Lesen Sie hier, was es mit der „Logbuch-Frage der Woche“ auf sich hat.

0 Kommentare

Kommentare

Möchten Sie sich an der Diskussion beteiligen?
Hinterlassen Sie mir einen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich bin fasziniert von Veränderungen, unabhängig davon, ob es sich um große Umbrüche oder kleinere Kurskorrekturen handelt. Mein Leben ist geprägt von Veränderungen: Ich habe sechs allgemeinbildende Schulen besucht, bin zwölfmal umgezogen und habe schon unzählige Jobs gehabt. Freunde und Bekannte meinen, mit mir werde es nie langweilig. Ich reflektiere mich ständig aufs Neue und wenn mir bestimmte Aspekte in meinem Leben nicht mehr passen, werfe ich sie über Bord. Die im Laufe der Jahre gesammelten Erfahrungen mit Veränderungsprozessen gebe ich gern an Andere weiter.

Informationen zu meiner Arbeit und meiner Person finden Sie hier.

Die Veränderungs-Lotsin: Portraitfoto Helga Numberger

Haben Sie Fragen oder möchten mich persönlich kennen lernen?