Stufen von Hermann Hesse

Die Veränderungs-Lotsin: Blog - Beitragsbild "'Stufen' von Hermann Hesse"

Heute möchte ich Ihnen ein Gedicht vorstellen, das mich in einer schwierigen Veränderungsphase begleitet und motiviert hat. Hermann Hesse schrieb das Gedicht im Mai 1941 nach langer Krankheit. In ihm beschreibt er das Leben als fortwährenden Prozess, bei dem auf jeden „durchschrittenen“ Lebensabschnitt (Raum, Stufe) ein neuer Lebensabschnitt folgt. Die Zeile „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ dürfte vielen von Ihnen als geflügeltes Wort bekannt sein.

Entscheidend für das Thema Veränderung ist meiner Meinung nach die zweite Hälfte der zweiten Strophe. Es geht letztendlich darum, seine Komfortzone zu verlassen, bereit für Neues zu sein und sich nicht zu sehr im Leben einzurichten. Hesse fordert uns dazu auf, offen zu sein für den Wandel und einer „lähmenden Gewöhnung“ entgegenzuwirken. Das Leben kann sich jederzeit von heute auf morgen ändern: Wir lernen neue Menschen kennen, die uns inspirieren, wir lesen, hören oder sehen Berichte über etwas, das uns auf eine neue Idee bringt, wir entwickeln neue Leidenschaften, alte wiederum verblassen vielleicht mit der Zeit. Manchmal entdecken wir verborgene Talente in uns oder haben Bock, etwas auszuprobieren, was wir uns lange nicht getraut haben.

Ich finde, dieses Gedicht macht wunderbar deutlich, um was es mir in meiner Arbeit als Begleiterin in Veränderungsprozessen geht.

Ich wünsche mir, dass Ihnen das Gedicht genauso weiterhelfen möge wie es mir in einer nahezu allumfassenden Umbruchphase weitergeholfen hat.

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf´ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen;
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden,
Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

(Hermann Hesse)

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Ich bin fasziniert von Veränderungen, unabhängig davon, ob es sich um große Umbrüche oder kleinere Kurskorrekturen handelt. Mein Leben ist geprägt von Veränderungen: Ich habe sechs allgemeinbildende Schulen besucht, bin zwölfmal umgezogen und habe schon unzählige Jobs gehabt. Freunde und Bekannte meinen, mit mir werde es nie langweilig. Ich reflektiere mich ständig aufs Neue und wenn mir bestimmte Aspekte in meinem Leben nicht mehr passen, werfe ich sie über Bord. Die im Laufe der Jahre gesammelten Erfahrungen mit Veränderungsprozessen gebe ich gern an Andere weiter.

Informationen zu meiner Arbeit und meiner Person finden Sie hier.

Die Veränderungs-Lotsin: Portraitfoto Helga Numberger

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